Weite Schneelandschaft mit Berggipfeln und wolkenbedecktem Himmel im Hintergrund | © DAV-FN / R. Gersten

Mont Blanc 4808 m – Kompressorroute

31.05.2026

Erinnert ihr euch an meinen Bericht letztes Jahr vom Gran Paradiso? Dabei ist dieses Bild entstanden: 

Es ist im Aufstieg zum Gran Paradiso aufgenommen, im Hintergrund steht der Mont Blanc – was für ein Riese. Ich fragte euch Teilnehmer, was wir nächstes Jahr als Abschlusstour machen. Euer Wunsch war der Mont Blanc. 

Ich habe diese Tour auf euren Wunsch ins Programm aufgenommen und durchgeführt. Ich war begeistert, Anmeldungen waren genug da, ein zweiter Guide fand sich auch. Die, die es ernst gemeint haben, haben wirklich trainiert. Nachts die Piste rauf und runter – rauf und runter –, Schnee oder Regen kamen waagerecht, die Sicht war gleich null. Andere saßen in der Falbastube – zwei Halbe inklusive. So ging es weiter und weiter. Fiescherhörner, Grünhorn, Piz Tambo und Pizol: immer 2000 Höhenmeter und immer am Ende mit Pickel und Steigeisen. Keine Gnade, wir gingen nicht ohne Gipfel. Ihr habt gekämpft, gelitten und euch bewiesen.

Mir ist jetzt klar: Wir sind bereit. Es liegt jetzt an uns Guides, dass es klappt – und damit ist nicht nur der Berg gemeint. Es geht um vieles mehr, all das ist im Hintergrund. Es sind die Hütten, die nicht buchbar sind, es ist das Planspiel mit dem Wetter, das die Hüttenplanung wieder zerlegt. Es sind die Schlafnächte in der Höhe, die wir brauchen, um fit genug zu werden, um nachts um 3 Uhr auf dem Petit Plateau mit 180er-Puls den Korridor – die Seraczone – zu passieren. Aber zum Schluss zählt es, dass wir am richtigen Tag beim richtigen Wetter vernünftig akklimatisiert die Startposition eingenommen haben.

Es ist der 01.05.2026 um 2:30 Uhr: Der Wecker geht runter – peng, der Hase läuft. Der Rappi presst das Müsli rein, ich und Fabi kauen schon seit fünf Minuten auf einem kleinen Stück Brot. Mit lauem Tee spülen wir es runter, nicken uns zu und legen die Ausrüstung an. Den Klettersteig von den Grands Mulets runter auf den Gletscher klimpert es schon wie auf einer Kuhweide. Die Ski montieren und dann ganz langsam loslaufen – ja nicht zu schnell, wir wollen nicht schwitzen und dann frieren. Alle ziehen an uns vorbei, aber wir sind wie eine Lokomotive – ganz konstant und stetig arbeiten wir uns hoch. Es ist steil und harsch, anstrengend! Kurz vor dem Minenfeld des Korridors – zerbombt vom Eis – gibt es eine erste Trinkpause und die erste Ansage: stetes Tempo, kein Verweilen oder Fotos, zügig durch die Gefahrenzone. 

 

Die Sonne geht auf und wir sind auf dem Grand Plateau, 400 Höhenmeter unter dem Vallot-Biwak. Hier muss ich entscheiden: Bossesgrat oder Nordroute via Mur de la Côte. Nach kurzer Inspektion entscheide ich mich für die schwerere, aber sicherere Variante: Bossesgrat. Ich spure den Gletscher hoch, die ersten Sonnenstrahlen treffen uns, wir machen die überfällige Trinkpause und genießen die erste wärmende Strahlung. Zum Biwak rauf geht es gut. Hier und da Blankeis, das gut umgangen werden kann. Am Biwak machen wir noch mal Pause, die Ski bleiben da, wir gehen mit Steigeisen weiter. Der Grat sieht von hier nicht gut aus – das Eis glänzt und er ist stark zerklüftet. Ich bin sehr defensiv und beobachte die Teilnehmer auf Schritt und Tritt. Gehen sie sicher? Haben sie Probleme? Gehe ich etwa zu schnell? Es läuft gut, der Glanz des Grates stellt sich als Geschenk heraus. Es ist kein Eis, sondern guter, harter, glasiger Trittschnee. Wer hier gut läuft, hat kein Problem. 

Wir sind nun ca. 250 Höhenmeter unter dem Gipfel. Hier ist die Schlüsselstelle: Ein steiler Aufschwung im Eis – 15 Meter, 50° blank – und ein messerscharfer Grat von 30 Metern tren-nen uns vom Gipfeleisfeld. Ich konfrontiere die Teilnehmer jetzt ganz bewusst hart mit der Tatsache, dass die Tour hier vorbei sei. Ich muss ernsthaft wissen, ob sie noch die Körner haben, um weiterzugehen – und um hier auch wieder runterzukommen. Getrübte Gesichter, Enttäuschung. Es braucht jetzt etwas Zeit, um sich selbst zu reflektieren. Dann irgendwann kommen wieder Worte, die mich überzeugen können. Ich setze eine Eisschraube, steige vor und hole Rappi und Fabi gesichert nach. Jetzt weiß ich: Wir schaffen das! Ich gehe es jetzt bewusst noch mal langsamer an. Ich weiß, sie sind jetzt noch motivierter und spüren auch, dass es klappen wird. Es ist wichtig, dass sie trotzdem sicher gehen und keine Fehler machen. 30 Minuten später, um 10:27 Uhr, stehen wir gemeinsam bei bestem Wetter auf dem Mont Blanc. Erschöpfte Gesichter wandeln sich in fröhliche, gespickt mit Tränen! Ein kräftiger Hand-schlag, eine feste Umarmung und dann diese Aussicht: die Krümmung dieser Erde und alles, was sie einschließt – einfach großartig, mit euch hier zu sein.

Ich muss die zwei erneut hart konfrontieren: Der Abstieg steht an. Wir haben leider erst die Hälfte vom Tagesziel erreicht. Ja, so ist das. Einen solchen Berg genießt man nicht am Gipfel, sondern dann, wenn man heil wieder unten ist. Eure Disziplin ist groß und wir gehen gut ge-fasst runter. Beim Steileis sichere ich nach unten, den Rest steigen wir konzentriert ab. Am Skidepot gibt es die erste längere Pause des Tages. Ich weiß, was jetzt kommt: Es ist nicht die Erholung, sondern die Erschöpfung! Ich versorge die gesamte Ausrüstung, um das Maximum an Pausenzeit zu generieren, und dann fahren wir ab. Es ist ganz gut, besser als gedacht. Pulver wird zu Sulz und so sind wir zügig in den Jonction-Eisbrüchen. Hier wird es noch mal haarig und zäh. Eisbrüche, rauf, runter und dann die Ski auf dem Buckel zur vermeintlich letzten Bahn ins Tal – 16 Uhr.

Wir haben es geschafft! Mont Blanc, liebe Teilnehmer, ich betone noch mal deutlich: Mont Blanc – ihr Luftpumpen!

Danksagung: Unser Dank gilt Lorenz, der am Vortag aus gesundheitlichen Gründen zum richtigen Zeitpunkt umgekehrt ist. Das war eine sehr schwere Entscheidung für dich, aber auch ein Beweis deiner Größe und Teamfähigkeit! Du hast unseren vollen Respekt.

Und weiter dem Sohn von Martin, Leo Rapp, der uns durch seine hervorragenden Sprach-kenntnisse und seine geschickte Verhandlungsfähigkeit die so notwendige Übernachtung auf der Grands-Mulets-Hütte ermöglicht hat.

Mein Appell: Der Mont Blanc, verbunden mit dem Mont Vélan, wird 2027 nochmals im Programm stehen. Für alle, die 2026 gesundheitlich verhindert waren, und für alle, die mit uns wieder und wieder den ganzen Winter trainieren! Für alle Skeptiker à la „Wird doch eh nix“, „Ist doch alles blank“, „Hat eh keinen Schnee“ bleibt jener Berg zum Träumen.

Wir, die Wintertourenguides vom DAV FN, wir träumen nicht. Wir schauen uns die Realität an, wir sind wach und agieren so, wie wir es gelernt haben. Sicherheit, konsequent verbunden mit einer flexiblen, robusten Planung, hat absolute Priorität.

Wir sehen uns spätestens beim nächsten Schnee, gerne früher!

Rayk 

Kleingedrucktes: Die Beförderung Martin und Fabian zum Kompressor ist hiermit vollzogen ;-)